Suh JeongMin SOLO SHOW
Do, 5. Juli - Sa, 4. Aug 2012;
Sa, 1. - Sa, 29. Sept. 2012
Season opening Vernissage
Fr, 31. August 17:00 - 21:00, und
Sa, 1 September 17:00 - 21:00
Finissage Fri 28. Sept 18:00 - 20:00
SUH Jeong Min – Im Malstrom der Piktogramme
Peter Hank
Mahlsteine, die sich aufeinander drehen, bilden einen sogenannten Mahlgang, in dem das Mahlgut, die Getreidefrucht, gemahlen wird. Dabei löst sich von den einzelnen Körnern, die zuvor von der Spreu getrennt wurden, die Schale, die als Kleie abgesondert wird. Zurück bleibt der Inhalt des Korns, der in Form von Mehl als konzentrierter Nährstoff zur Erzeugung von Grundnahrungsmitteln wie dem Brot dient. Gleichwohl der Vorgang das Samenkorn aufbricht und zerstört, wird im Mahlgang das Mahlgut auf sein Wesensgehalt hin aufgewertet, sein verborgenes Inneres erschlossen. Der Prozess der Transformation, der bei dieser „Veredelung“ stattfindet, gleicht metaphorisch dem Malstrom des Lebens, in dem sich fortwährend die Spreu vom Weizen trennt, unablässig Existenz sich auf ihre Essenz reduziert und das menschliche Dasein auf seinen Sinngehalt heruntergebrochen wird. Nach buddhistischer Vorstellung ist dieser Malstrom das Rad der Wiedergeburten, das Samsara, worin die karmischen Altlasten früherer Existenzen sich abschleifen, damit die Seele, endlich rein gemahlen, am Ende ins Nirvana abgelöst werden kann und die Daseinsfaktoren sich nicht wieder erneut zu neuem Leben vermischen müssen.
Die reliefartigen, abstrakten Bildobjekte des koreanischen Künstlers SUH Jeong Min erwecken beim Betrachter den Eindruck, als sei in ihnen der Malstrom des Samsara ebenso sichtbar wie verborgen am Werk. Dabei fallen in diesem metaphysischen Prozess Mahlgang und Mahlgut in eins zusammen. Die teils im Kreis, teils in linearer Formation angeordneten einzelnen Grundelemente der Objekte wirken in ihrer Gesamtheit und in ihrem Allover wie ein sich drehender Mühlstein oder wie ein im Ablauf und auf dem Fließband befindlicher Mahlprozess, während sie in sich selbst zugleich wie Samenkörner erscheinen, die bereits zermahlen und auf ihren Inhalt reduziert sind. In der dargestellten Bezüglichkeit von Ursache und Wirkung, Prozess und Produkt, Form und Stoff liegt die Besonderheit und die Faszination der Arbeiten von SUH Jeong Min.
Seiner künstlerischen Herkunft nach steht SUH in der Tradition der Tuschemalerei seines Heimatlandes. Er malte anfänglich mit Tusche auf Reispapier und wählte dabei bevorzugt Landschaften, in denen der optische Eindruck der Natur durch die geometrischen Strukturen der in traditioneller Bauweise errichteten Häuser unterbrochen erschien. Die abstrakt wirkenden Lineaturen der Landschaftsansichten lenkten SUH dann allerdings darauf, den abstrakten Formgesetzen selbst und unabhängig von realen Gegenständen zu folgen, um mittels konstruktiver Abstraktion autonome Bildwelten zu schaffen. Das Material dafür fand er im Medium Papier, das ihm bis dahin als Malgrund gedient hatte. Er formte es um und nutzte es fortan nicht länger als Fläche, sondern entwickelte daraus die Bausteine seiner geschichteten Agglomerate. Er verwendet dabei das aus dem Splint des Maulbeerbaums hergestellte koreanische Hanji-Papier, das eine besondere Festigkeit und Haltbarkeit besitzt und deswegen auch zur Fertigung von Möbeln und als Füllmaterial von Trennwänden und Fenstern herangezogen wird. Indem SUH den traditionellen Gebrauchswert des Materials Papier in den Grundstoff seiner künstlerischen Produktion transponiert, bewahrt er es als althergebrachtes Kulturgut und schenkt ihm zugleich eine neue Wertigkeit und einen höheren Bedeutungsgehalt. Seine widerstandsfähige Konsistenz wird zum symbolischen Ausdruck für die Zähigkeit und Nachhaltigkeit, mit der die elementaren Daseinsfaktoren und die karmischen Existenzialien den Malstrom des Samsara und den Kreislauf der Wiedergeburten in Gang halten. SUH verwandelt auf diese Weise das stoffliche Material des Hanji-Papiers in eine inhaltliche Gegebenheit. Ähnlich wie die abstrakte Moderne des Westens Material und verwendete „Fundstücke“ (objet trouvé) in einen erweiterten Sinnzusammenhang stellt und zum Inhalt erklärt, sieht auch SUH im Papier einen Bedeutungsträger, der die bloße Stofflichkeit transzendiert.
SUH verweist auf diese Transzendenz, indem er das Papier nicht als „unbeschriebenes Blatt“ verwendet. Analog zum Verständnis karmischer Gesetzmäßigkeiten, wonach das Dasein als lebende Existenz stets seine Ursache in der leidvollen und schuldhaften Verstrickung des Daseienden und seiner vorangegangenen Leben hat, zieht SHU für seine Arbeiten Papier heran, das mit Schriftzeichen und Piktogrammen beschrieben ist, also Spuren und Zeichen vorhandener Existenzen in bestimmten Daseinsbezügen trägt. In den Kalligraphien wird die Gemütslage des Schreibenden transparent, wodurch sein Seelenzustand und damit seine karmische Situation sichtbar wird. Die „Seelenzeichen“ verwendet SHU nun aber nicht in aller Deutlichkeit und Deutbarkeit, sondern sie erscheinen in der Form eines Palimpsests, worin das Geschriebene völlig anonymisiert ist und seinem Inhalt nach nicht mehr vollständig rekonstruiert werden kann. Dies entspricht wiederum der Vorstellung vom Karma, das seiner Entstehung nach nur schwer einer eindeutigen Ursache und damit einer konkreten Konstellation zuzuweisen ist.
Um die Verknüpfung des karmischen Trägermaterials mit den verundeutlichten „Seelenzeichen“ zu bewerkstelligen und daraus ein konstruktives Kunstobjekt zu schaffen, rollt SHU das beschriebene Papier unter starkem Druck zusammen, so dass die Zeichen lediglich als Pigmentspuren durch die Transparenz der gerollten Schichten hindurchscheinen. Zusätzlich zerschneidet SUH dann noch die Papierrollen in zwei Hälften oder in Viertelstücke und zerteilt sie in einheitlich lange Stäbchen. Dadurch wird der Sinngehalt der vormals kalligraphierten Piktogramme ein weiteres Mal zerschnitten und unkenntlich gemacht. Die übrig gebliebenen Schreibspuren dienen nur noch als immanente Farbkomponenten, die allein für die Gesamtkomposition des Objekts von Bedeutung sind. Denn die im Zerschnitt gefertigten Einzelelemente werden nun als zugerichtete Bausteine ihrem Farbgehalt nach verwendet und entweder in gleichgerichteter Schichtung oder in Kreuzlagen mit- und übereinander zu einer übergeordneten Struktur verleimt. Dadurch entsteht der strukturale und semi-skulpturale Charakter der Objekte. Jedes Einzelteil fügt sich dabei in das übergeordnete Modul, bleibt aber zugleich in seiner individuellen Einzigartigkeit sichtbar, da kein Element dem anderen gleicht. Die vektoral ausgerichtete Gleichförmigkeit der Teile innerhalb des Gesamten lässt den Betrachter an das Phänomen des Schwarmverhaltens denken, bei dem es eine ähnliche Wechselwirkung zwischen Individuen und Gesamtverband gibt. Mehr noch als die Anmutung eines Schwarms offenbaren SHU’s Arbeiten jedoch den in sich ruhenden Ausdruck für die permanente Bewegtheit des metaphysischen Malstroms, in die die Einzelwesen wie das Dasein überhaupt eingetaktet sind.
Indem SUH Jeong Min das Basismaterial Papier und die Ausdrucksform der Kalligraphie als traditionelle Bestandteile fernöstlicher Kultur auf kunstfertige Weise in einen neuen, abstrakten Bedeutungszusammenhang bringt und den dabei entstandenen innovativen Sinngehalt zugleich mit der buddhistischen Vorstellungswelt verbindet, stellt er seine Kunst in den Kontext der globalen Begegnung der Kulturen und eröffnet einen Zugang zu andersartigen Vorstellungsweisen und den daraus hervorgehenden künstlerischen Ausdrucksformen. Sein Werk steht darum im Wesentlichen für die Grundhaltung der Toleranz, die eine solche Begegnung der Kulturen erst ermöglicht.
[Peter Hank, Jahrgang 1954, ist Leiter der Städtischen Galerie Fruchthalle Rastatt]

